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«Noch 2,5 km bis zum Skiliftmörder»: Üble Vorwürfe und Streit beim Tanzboden in Ebnat-Kappel

Julia-Maria Riedl

In Ebnat-Kappel steht der Skilift Tanzboden immer öfter still – trotz Schnee. Ein Vertrag mit der Besitzerfamilie des Talstationsgeländes erlaubt den Betrieb erst ab 40 Zentimetern. Für viele ein Skandal, für die Familie Amacker ein Akt des Naturschutzes. Das Dorf ist gespalten.

Der Skilift Tanzboden hat eine Länge von 1350 Metern und transportiert vor allem Familien.
Der Skilift Tanzboden hat eine Länge von 1350 Metern und transportiert vor allem Familien.

Bild: zvg


Seit über sechzig Jahren bringt der Skilift Tanzboden in Ebnat-Kappel Kinder und Schneesportbegeisterte den Hang hinauf. Er ist nicht nur eine Aufstiegshilfe, sondern ein Ort der Begegnung, ein Stück Heimat für viele von hier. Doch die Zukunft des Liftes steht auf wackeligem Grund – oder besser gesagt: auf einem Boden, der sich zunehmend als politisch, emotional und klimatisch heikel erweist.


Ein Vertrag als Zündstoff


Im Zentrum des Konflikts steht ein Vertrag aus dem Jahr 2011: Der Skilift darf erst dann in Betrieb genommen werden, wenn mindestens 40 Zentimeter Schnee liegen – eine im Vergleich zu anderen Skigebieten eher hohe Marke. Während andernorts bereits mit 30 Zentimetern gestartet wird, steht der Lift Tanzboden in Ebnat-Kappel trotz Schnee still.


«Es ist frustrierend», sagt Beni Kuratli, Betriebsleiter des Tanzboden-Skilifts. «Oft hätten wir genug Schnee gehabt, um zu öffnen – aber eben nicht genug, um die 40-Zentimeter-Grenze zu knacken. Wenn alles bereit ist und man trotzdem nicht starten darf, ist das finanziell kaum tragbar.» Die Rücklagen seien bald aufgebraucht. In der vergangenen Saison beschränkte sich der Betrieb auf lediglich fünf Tage. Noch ein paar solche Winter – und das Aus für den Lift könnte besiegelt sein, so Kuratli.


Sorge zur Natur als Auftrag eines Bauers


Der Vertragspartner: die Familie Amacker, Eigentümerin des Landes an der Talstation – und mittlerweile Projektionsfläche für Wut und Enttäuschung im Dorf. Für viele ist klar: Die Amackers blockieren die Zukunft des Skilifts. Doch die Familie hat eine Expertise machen lassen, die beweist, dass der spezielle Boden durch eine zu frühe Nutzung langfristig kaputtgeht.


«Es tut weh, dass die Regelung nicht anerkannt wird», sagt die Familie Amacker. «Wir werden als die Bösen hingestellt. Dabei sind es Tatsachen, dass der Boden – ein Moorgebiet und Naturwiese – durch Überfahrten bei einer ungenügenden schützenden Schneedecke und Nässe stark beschädigt wird.» Sie sind Landwirte aus Überzeugung.


Fredy und Marianne Amacker sind beide im Toggenburg aufgewachsen und bewirtschaften den Landwirtschaftsbetrieb in Ebnat-Kappel seit 1995. Heute betreut die Familie dort rund 40 Tiere. Für sie gibt es eine klare Definition, was der Auftrag eines Bauern ist: «Wir müssen die Natur schützen. Wir wollen das Kulturland erhalten und fruchtbar für nächste Generationen weitergeben.»


Doch für dieses Verständnis gibt es wenig Applaus. Im Gegenteil: Es gab Anschuldigungen und sogar Angriffe. Die Stimmung war derart aufgeheizt, dass Anfang Januar ein rot-oranger Schriftzug in den Schnee gesprayt wurde: «Noch 2,5 km bis zum Skiliftmörder» stand dort. Den Vorfall möchten Amackers nicht kommentieren. Wichtig ist für sie: «Wir wollen kein Mitleid», sagt die Familie. «Aber wir wünschen uns Verständnis und Sachlichkeit, wenn es um das Thema geht.»


Der Boden kann so nicht mehr atmen


Warum die strenge Schneeregel? Für Amackers ist die Antwort klar: Der Boden braucht Schutz. Das Gelände bei der Talstation liegt in einem Flachmoor – ein ökologisches Gebiet, das sensibel auf hohe Belastung reagiert. «Der Boden funktioniert wie ein Schwamm», erklärt Marianne Amacker. «Er braucht Luft, um Wasser zu speichern. Wird er zu früh befahren, verdichtet sich der Untergrund – die Luft entweicht, das System kippt.»

Eine solche Verdichtung lasse sich nicht einfach nach der Saison beheben. «Wenn der Unterboden einmal verdichtet ist, wächst dort kaum noch etwas. Für die Natur ist das verheerend.»

Pistenpräparation durch Maschine oder durch Skifahren?


Bei der 40-Zentimeter-Regelung geht es eigentlich um die maschinelle Präparierung der Skipiste. Die Genossenschaft Tanzboden möchte möglichst früh mit den Pistenmaschinen starten, um gute Bedingungen zu schaffen. Die Familie Amacker ist da vorsichtiger. Sie sagen: «Die Pistenmaschinen sind sehr schwer – deshalb ist die Regel eingeführt worden, dass erst ab 40 Zentimetern Schneehöhe maschinell präpariert werden darf.»


Fredy Amacker erklärt: «Wenn zum Beispiel 30 Zentimeter Neuschnee fallen und die Piste unpräpariert von Skifahrern genutzt werden würde, ist das für uns kein Problem. Ich denke, es wäre nicht gefährlich – im Gegenteil: Der Schnee bleibt dadurch sogar oft länger schön, was in dieser Saison deutlich zu sehen war.»


Für Kuratli ist das allerdings keine Option. «Wir sind ein Familienskilift», sagt er. «Unsere Kundschaft sind keine Tiefschnee-Fahrer. Es sind viele Familien am Skilift, die den Kindern das Skifahren beibringen.» Wenn die Piste nicht maschinell präpariert sei, wird dies für Anfänger im Tiefschnee sehr problematisch. Die Skilift-Genossenschaft beruft sich auf ihre Pflicht zur Sicherheit: «Unsere Aufgabe ist es, eine sichere, gut präparierte Piste bereitzustellen – das geht eben nur maschinell.»


Die Amackers halten dagegen: «Es gab Winter, da wurde nur der obere Teil präpariert, der untere nicht – und es funktionierte bestens», erinnert sich Fredy Amacker. «Nach 30 Jahren wissen doch auch wir, wann eine Präparation sinnvoll ist – und wann nicht.» Ein grundsätzliches Verbot für ein Pistenfahrzeug spreche niemand aus, betont die Familie. «Aber wir sehen keinen Sinn darin, Maschinen einzusetzen, wenn es auch natürlich geht.»


Klimawandel verstärkt den Nutzungskonflikt


Zu allem Überfluss zeigt sich die Natur zunehmend unberechenbar. «Es trocknet aus, es gibt mehr Wetterextreme. Und weniger Schnee. Früher gab es auch mal wenig Schnee – aber heute kommt das häufiger vor.» Für die Familie ist klar: Der Klimawandel ist real. Und er verstärkt den Nutzungskonflikt zwischen Wintersport und Landwirtschaft zusätzlich.

Was bleibt, ist ein Riss durch ein Dorf, das seine winterliche Identität als bedroht sieht – und eine Familie, die sich im Namen der Natur verteidigt. Amackers wollen kein Skilift-Aus, aber sie fordern Respekt für ihr Land, ihre Arbeit und ihre Haltung. Die Skilift-Genossenschaft kämpft derweil um die Existenz einer Institution, die weit mehr ist als ein Sportangebot.


Es ist ein klassischer Nutzungskonflikt im Dorf Ebnat-Kappel: Natur – Bewirtschaftung – Mensch – Tradition. Eine Debatte, die exemplarisch zeigt, wie sehr sich ländliche Räume im Klimawandel verändern – und wie schwer es ist, zwischen Heimatgefühl und Naturschutz zu vermitteln.


 
 
 

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