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Arm, einsam, krank: Die stille Not der Rentnerinnen und Rentner in der Stadt St.Gallen

Julia-Maria Riedl

In St.Gallen lebt fast jede achte Person über 65 Jahren in Armut oder ist davon bedroht. Steigende Lebenskosten, zu tiefe Renten und Scham, Hilfe anzunehmen, treiben viele ältere Menschen in die Isolation.

Gemäss Caritas Schweiz sind mehr als 700'000 Menschen in der Schweiz von Armut betroffen.
Gemäss Caritas Schweiz sind mehr als 700'000 Menschen in der Schweiz von Armut betroffen.

Symbolbild: Christof Schuerpf


Eingekauft wird nicht mehr, was man möchte, sondern was gerade noch ins Budget passt. Ein spontaner Restaurantbesuch? Liegt nicht drin. Geht der Geschirrspüler kaputt, wird aus dem kleinen Defekt schnell eine grosse Sorge – unerwartete Ausgaben können den Alltag ins Wanken bringen.


Das Leben in der Schweiz ist teurer geworden. Steigende Krankenkassenprämien, höhere Mietkosten, teurere Lebensmittel – die allgemeine Teuerung ist deutlich zu spüren. Betroffen sind auch Rentnerinnen und Rentner. Sie können ihr Einkommen kaum noch aufbessern. In St.Gallen lebt inzwischen jede achte Person über 65 Jahren in Armut oder ist davon bedroht.


Rund jede vierte Person in Rente bezieht Ergänzungsleistungen


Die Stadt St.Gallen zählt rund 83'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Davon sind etwa 13'800 – also rund 17 Prozent – über 65 Jahre alt. 2022 lag die Armutsquote bei Rentnerhaushalten aus der Stadt bei 12,9 Prozent. Diese Zahl ist ohne Berücksichtigung des Vermögens. Das heisst: Etwa 1800 ältere Menschen leben am oder unter dem Existenzminimum. Wird jedoch das Vermögen – etwa Bargeld, Wertschriften oder Fahrzeuge – einbezogen, sinkt die Quote auf 2,5 Prozent.


Reicht die Rente nicht für die minimalen Lebenskosten, können Ergänzungsleistungen bei der Sozialversicherungsanstalt (SVA) beantragt werden. 2022 bezogen 24,3 Prozent der Rentnerhaushalte in St.Gallen diese Unterstützung. Doch laut Marlen Rutz Cerna, von der Dienststelle für Gesellschaftsfragen St.Gallen, könnten es mehr sein. Viele verzichten darauf, obwohl sie Anspruch hätten – aus Scham, Überforderung, aufgrund administrativer Hürden oder Selbstvorwürfen. «Manche fühlen sich schuldig oder verstehen die Ergänzungsleistung als eine Fürsorge, was sie aber nicht ist», sagt Rutz.


Oft fehle auch das Wissen, dass es diese Leistungen gibt. Dabei gibt es in St.Gallen ein dichtes Netz an Beratungsstellen. So bietet etwa Pro Senectute kostenlose Beratung an. Philip Fehr, Leiter der Sozialhilfe St.Gallen, ergänzt: «Wer EL beantragt, muss seine Finanzen offenlegen. Das kann abschrecken.»


Frauen sind besonders gefährdet


Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und Personen mit geringer Bildung sind laut Pro Senectute besonders gefährdet. Frauen trifft es oft, weil sie in der Lebensmitte unbezahlte Care-Arbeit leisten: Kinder erziehen, Angehörige pflegen, den Haushalt führen. Dadurch konnten sie nur eingeschränkt oder gar nicht in die 2. Säule einzahlen. Diese wurde erst 1985 eingeführt. Bei vielen der heute Pensionierten ist deshalb die Altersvorsorge unvollständig aufgebaut.


Auch Scheidungen erhöhen das Risiko. Ist das Einkommen niedrig und fehlt das Vermögen, führt eine Trennung oft direkt in die Altersarmut. Gemäss Caritas Schweiz sind Alleinstehende öfter von Altersarmut betroffen als Paare.


Ein kritischer Moment ist der Übergang vom Erwerbsleben in die Pensionierung. «Da passiert oft der Bruch», sagt Rutz. «Viele merken dann, wie wenig sie wirklich zur Verfügung haben.» Besonders prekär wird es, wenn Pensionskassengelder frühzeitig bezogen werden – die Reserven sind dann schnell aufgebraucht. Philip Fehr sagt: «Es ist wichtig, sich früh genug damit auseinanderzusetzen.»


Wo gibt es Hilfe für Armutsbetroffene?


- Pro Senectute: Beratung, Budgethilfe, Freizeitangebote- Caritas: Sozialalmanach, KulturLegi, Informationsbroschüren- Sozialamt St.Gallen: Beratung zu EL, Sozialhilfe, Pflegefinanzierung- Café Balance: Treffpunkt für ältere Menschen mit kleinem Budget- KulturLegi: Vergünstigungen für Freizeit, Bildung, Kultur- Broschüre «Mit wenig Geld leben»: kostenlos erhältlich bei der Stadt


Armut macht krank und einsam


Altersarmut bedeutet nicht nur finanzielle Not, sondern auch Einsamkeit, Rückzug und psychische Belastung. Je ärmer ein Mensch ist, desto höher ist das Gesundheitsrisiko. «Man muss auf vieles verzichten», sagt Rutz. Soziale Aktivitäten, die früher selbstverständlich waren, fallen weg. Sei es ein Kaffee im Restaurant oder auch schon ein Busticket.

Die Angst, den Lebensstandard nicht halten zu können, führt oft zum Rückzug. Die Folgen: Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Armut ist also nicht nur ein soziales, sondern auch ein gesundheitliches Risiko. «Mit der Pensionierung brechen für viele die sozialen Kontakte weg – besonders für jene, die wenig Geld haben», so Rutz.


In St.Gallen existiert ein dichtes Netz an Unterstützung. Die Stadt arbeitet mit Organisationen wie Pro Senectute, Caritas und dem Sozialamt zusammen. Angebote wie die Broschüre «Mit wenig Geld leben», die KulturLegi oder das Café Balance sollen Teilhabe am öffentlichen Leben trotz kleinem Budget ermöglichen. Pro Senectute prüft mit Betroffenen Ansprüche auf EL, hilft bei Anträgen und berät zu Budgetfragen. Zudem vermittelt sie kostengünstige Angebote – von Mahlzeitendiensten bis zu Freizeitaktivitäten. Ziel ist es, Würde zu bewahren und soziale Isolation zu verhindern.


Altersarmut steht längst auf der politischen Agenda. Die Strategie «Alter und Gesundheit 2030» der Stadt St.Gallen setzt auf niederschwellige Informationsangebote, partizipative Projekte und nachbarschaftliche Unterstützung. «Wir müssen Brücken bauen – zu den Menschen, zu den Beratungsstellen, zur Gesellschaft», sagt Rutz. Denn Altersarmut ist nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Politik müsse noch mehr handeln.


 
 
 

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