Gratisproben und direkte Ansprache: Kosmetikladen in der St.Galler Spisergasse sorgt für Kritik
- jmlriedl
- 27. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Julia-Maria Riedl
Gratisproben auf der Strasse, intensive Verkaufsgespräche im Laden: Das Vorgehen von «Iconique Skin» in der Spisergasse stösst bei vielen Passanten auf Unmut. Während sich Betroffene über aufdringliche Methoden beklagen, sieht die Stadtpolizei rechtlich nur begrenzten Handlungsspielraum.

Das Kosmetikgeschäft «Iconique Revolutionary Beauty» ist nun seit gut zwei Jahren in der Spisergasse.
Bild: Lorena La Spada
Wer durch die Spisergasse in St.Gallen schlendert, kommt am Laden «Iconique Revolutionary Beauty», auch «Iconique Skin» genannt, kaum vorbei, ohne angesprochen zu werden. Mitarbeitende stehen vor dem Geschäft, sprechen Passanten an und bieten kostenlose Müsterli an. Wer sich darauf einlässt, ist schnell in ein Verkaufsgespräch verwickelt – mit einer anschliessenden Einladung in den Laden.
Drinnen setzt sich das Gespräch fort: Kundinnen berichten, dass ihnen Getränke angeboten und gleichzeitig teure Kosmetikprodukte präsentiert werden. Dazu zählen etwa LED-Gesichtsmasken, Haar- und Hautpflegeprodukte, die rasch mehrere Tausend Franken kosten können.
Zwischen Werbung und Belästigung
Das Vorgehen sorgt für Kritik. Online häufen sich negative Bewertungen, und auch gegenüber dieser Zeitung beschweren sich mehrere Personen. «Jeden Tag, wenn ich hier vorbeigehe, werde ich angesprochen», schreibt jemand auf Google. Eine andere Person spricht von einem «penetranten Auftreten». Besonders stört viele die direkte Ansprache persönlicher Merkmale: «Ich wurde ungefragt auf meine Augenringe angesprochen», erzählt eine Frau.
Solche Methoden fallen auf – auch, weil sie in der Schweiz unüblich sind. Während in anderen Ländern die aktive Kundenansprache im öffentlichen Raum verbreitet ist, empfinden sie viele Menschen hierzulande als aufdringlich.
Das Unternehmen weist die Kritik zurück. Auf Anfrage erklärt «Iconique Skin», die Reaktionen der Passantinnen seien unterschiedlich: Einige freuten sich über die Ansprache und nähmen die Müsterli gerne an, während andere dies nicht wünschten – was selbstverständlich respektiert werde. «Wir achten darauf, dass Personen, die regelmässig vorbeilaufen und keine Ansprache wünschen, in Ruhe gelassen werden.»
Jedoch sei dies nicht immer möglich, weil es zu Personalwechseln komme, schreibt der Inhaber Moshe Mekler. Neue Mitarbeitende bräuchten eine kurze Eingewöhnungszeit. Man schule das Team jedoch kontinuierlich und erinnere es daran, respektvoll aufzutreten und Richtlinien einzuhalten.
Wer sich gestört fühlt, muss selbst aktiv werden
Rechtlich bewegt sich das Vorgehen, sprich das Ansprechen und Müsterli verteilen, in einer Grauzone. In St.Gallen ist es grundsätzlich verboten, im öffentlichen Raum aktiv für Produkte zu werben oder Passanten anzusprechen. Anders sieht es aus, wenn ein Geschäft auf privatem Grund liegt.
Laut Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen, operiert «Iconique Skin» auf privatem Grund. «Das ändert die Rechtslage ein wenig», sagt er. In diesem Fall sei es erlaubt, Personen anzusprechen und sie einzuladen, ihre Produkte anzusehen. Entscheidend sei jedoch das Wie. «Aufdrängen, Belästigen oder Nötigen sind nicht erlaubt.»
Wer sich gestört fühlt, müsse selbst aktiv werden. «Das wäre ein sogenanntes Antragsdelikt», sagt Widmer. Betroffene müssten Anzeige erstatten, damit ein Verfahren eingeleitet werden könne.
Laut Stadtpolizei habe sich die Firma nach den ihnen vorliegenden Informationen bisher nicht illegal verhalten. Trotzdem hat sich im September 2025 eine Stadtbewohnerin daran gestört und eine Beschwerde eingereicht. Sie fühlte sich durch das Auftreten der Mitarbeitenden verstört. Die Stadtpolizei kontaktierte daraufhin das Geschäft, machte sie auf die Vorschriften aufmerksam, und sprach eine schriftliche Mahnung aus.
Firmeninhaber Moshe Mekler bestätigt die Mahnung. In einer Stellungnahme schreibt er: «Nach der Verwarnung haben wir den Mitarbeitenden, der die Grenzen des Geschäfts überschritten hat, entlassen.» Ausserdem haben sie die internen Richtlinien angepasst.
Kritik an Geschäftsmodell
Trotz dieser Massnahmen berichten Kundinnen weiterhin von unangemessenen Erlebnissen. Eine Stadtbewohnerin erzählt, sie habe sich einmal auf ein Gespräch eingelassen und sei «kaum mehr herausgekommen». Zwar habe sie sich schliesslich abgrenzen können, aber das sei nicht einfach gewesen. Ihr seien zahlreiche Gutscheine und Zusatzprodukte zu scheinbar stark reduzierten Preisen angeboten worden.
Sie erstattete keine Anzeige – sie habe nicht gewusst, dass dies möglich gewesen wäre. Entsprechend bleibt auch der Handlungsspielraum der Behörden begrenzt.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Geschäftsmodell durch eine Recherche des SRF-Konsumentenmagazins «Kassensturz» . Journalistin Sofika Yogarasa berichtete über aggressive Verkaufsstrategien im Kosmetikbereich. Dabei ging es um Firmen, die unter verschiedenen Namen auftreten und Kundinnen mit Gratisbehandlungen oder Proben in Verkaufsgespräche verwickeln, um ihnen anschliessend teure Produkte zu verkaufen.
«Iconique Skin» betont, dass sich diese Berichterstattung nicht auf ihr Unternehmen beziehe. Man arbeite transparent, alle Verträge würden im Einverständnis mit den Kundinnen und Kunden abgeschlossen werden. Diese hätten die Möglichkeit, sich zu informieren, bevor sie etwas unterschreiben.
Ein Spannungsfeld, das bleibt
«Iconique Skin» ist seit dem 20. Mai 2024 in St.Gallen tätig. Seither gab es mindestens eine offizielle Beschwerde. Gleichzeitig betont die Firma, dass viele Kundinnen und Kunden zufrieden seien. Das zeige sich, da sie expandieren konnten.
Für die Stadtpolizei steht vor allem eines im Vordergrund: Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen eingehalten werden. Solange dies der Fall sei, bestehe kein unmittelbarer Handlungsbedarf. «Sollten jedoch weitere Hinweise auf problematisches Verhalten eingehen, werde man erneut tätig», sagt Widmer.
Damit bleibt ein Spannungsfeld: zwischen einem Geschäftsmodell, das auf aktive Ansprache setzt, und einem öffentlichen Raum, in dem viele Menschen genau das als störend empfinden.



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