Ein neuer Raum für Austausch: Frauen aus dem Appenzellerland gründen «Junia – feministische Bildung»
- jmlriedl
- vor 2 Tagen
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Julia-Maria Riedl
Fünf Frauen aus Speicher haben «Junia – feministische Bildung» gegründet. Sie wollen einen Ort schaffen, an dem über Frauenthemen, Gesellschaft und Gleichberechtigung gesprochen werden kann – offen, unkompliziert und ohne feste Regeln. Der erste Anlass findet am 30. Oktober in Trogen statt.

Bild: zvg
«Kennt ihr dieses Gefühl, es allen recht machen zu wollen?» Diese Frage stellt die Soziologin und Autorin Franziska Schutzbach in ihrem Buch «Die Erschöpfung der Frauen». Vor ein paar Jahren lauschten in Teufen mehrere Frauen ihrem Vortrag dazu. Nach der Lesung blieben viele noch, redeten, lachten und teilten ihre Erfahrungen. Für Julia Nentwich, eine der Initiantinnen, war sofort klar: «Das wollen wir öfter.»
Aus diesem Moment entstand eine Idee und schliesslich das Projekt: «Junia – feministische Bildung». Der Name steht für Offenheit, Wissen und Begegnung. Sie möchten Themen aufgreifen, die Frauen und auch Männer betreffen, die aber im Alltag oft zu kurz kommen. Dazu gehören Fragen rund um Gleichberechtigung, Rollenbilder, psychische und körperliche Belastungen, Familie und Arbeit.
Aus dem alten Rom ins Appenzellerland
Hinter «Junia» stehen fünf Frauen aus Speicher: Verena Süess, Sibylle Klingenfuss, Romana Tremp, Julia Nentwich und Priska Casanova. Sie haben sich in den letzten zwei Jahren intensiv mit feministischen Texten und gesellschaftlichen Fragen beschäftigt.Die Initiantinnen fragen sich: Was betrifft uns in unserem Alltag?
Welche Männerbilder prägen unsere Söhne, welche Frauenbilder unsere Töchter? Warum sind wir so erschöpft und wie bleiben wir gesund?
Aus diesen Diskussionen entstand der Wunsch, den Austausch zu öffnen. «Diese Themen brauchen Raum unter Frauen, Männern und darüber hinaus», sagt Nentwich. Sie wollen einen Ort schaffen, in dem man miteinander ins Gespräch kommt. Ohne Leistungsdruck und ohne Perfektion. Die Pauluspfarrei Speicher/Trogen/Wald unterstützt das Projekt.
Die erste Veranstaltung steht fest: Am 30. Oktober findet in Trogen ein offenes Gespräch mit einem Vortrag über die Wechseljahre statt. Eingeladen ist die Gynäkologin Susan Rassouli aus Speicher. «Frauen sind alle irgendwann davon betroffen, aber kaum jemand spricht offen darüber», sagt Nentwich. «Man tut oft so, als sei das einfach ein natürlicher Prozess, den man eben durchstehen müsse.» Aber es könne je nach Frau eine sehr belastende Zeit sein. Körperlich, aber auch emotional und gesellschaftlich.
Den Initiantinnen ist es wichtig, dass feministische Bildung kein reines Frauenthema bleibt. «Wir wollen keine Abgrenzung», sagt Julia Nentwich. Themen wie Gleichberechtigung, Care-Arbeit oder psychische Gesundheit betreffen alle Geschlechter. Langfristig strebt die Gruppe gemischte Gesprächsrunden an. Beim ersten Anlass dürfte das Publikum jedoch noch eher homogen bleiben. Schliesslich gehe es um die Wechseljahre, ein Thema, das vor allem Frauen anspricht. Doch schon die nächsten Veranstaltungen sollen bewusst Raum für alle Geschlechter schaffen.
Was nach dem 30. Oktober diskutiert wird, steht noch offen. Gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern wollen die Initiantinnen herausfinden, welche Themen sie bewegen und diese künftig zusammen festlegen.
Die Initiantinnen haben den Namen «Junia» bewusst gewählt. Junia lebte im ersten Jahrhundert in Rom und gilt als eine der ersten Frauen in einer kirchlichen Leitungsfunktion. Ihre Geschichte steht für vergessene weibliche Stärke: Spätere kirchliche Schriften machten aus der Frau «Junia» den Mann «Junias». Diese Umdeutung zeigt, wie feministische Errungenschaften in der Geschichte verloren gingen. Die Gruppe will damit diese Sichtbarkeit zurückholen.


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