Wie Boris und Madlainaihre Beziehung mit einer Beeinträchtigung leben
- jmlriedl
- vor 2 Tagen
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Julia-Maria Riedl
Boris Ackermann lebt in Steckborn, Madlaina Aeschbach im Bündnerland. Vier Zugstunden trennen das Paar. Einmal im Monat sehen sie sich – organisiert zwischen zwei Institutionen, begleitet von Bezugspersonen und getragen von dem, was ihnen wichtig ist: Nähe, Zeit und Liebe.

Surava sei geil. Einfach der Hammer, dieses Bündner Bergdorf. Die Berge. Die Luft. Die Stiftung Argo. Das sagt Boris Ackermann. Einmal im Monat kommt er her, weil seine Freundin Madlaina Aeschbach hier wohnt.
Weil es so der Hammer sei, würde er am liebsten hier wohnen. Doch er lebt in Steckborn, in der Stiftung Andante. Eine Institution für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Auch dort findet er es Hammer. Sein Zimmer hat einen Balkon mit Sicht auf den See und ein grosses Bett. Christian, seine Bezugsperson, sei auch der Hammer. Und es sei einfach schön hier. Eigentlich möchte er ja nicht nach Surava ziehen. Er möchte nur mehr Zeit mit Madlaina verbringen.
Ihre Hürden: Arbeitszeiten, Distanz, Betreuung
Boris ist gerade 35 Jahre alt geworden. Er mag seinen Geburtstag. Er arbeitet im Hausdienst im Spital Münsterlingen. Die Leute kennen ihn dort. Er lacht viel, ist gesprächig und präsent. Boris ist kognitiv beeinträchtigt und hört kaum. Deshalb trägt er Hörgeräte.
Sein Wunsch, mehr Zeit mit Madlaina zu verbringen, geht nicht. Aus diversen Gründen. Eine Hürde: ihre Arbeitszeiten, die sich oft überschneiden. Oder die vier Zugstunden, die sie voneinander entfernt sind. Die grösste jedoch: ihre Behinderung. Auch Madlaina hat eine kognitive Beeinträchtigung. Sie haben andere Hürden, als ein Paar ohne Behinderung hätte.
Die beiden setzen alles daran, gemeinsam Zeit zu haben. Einmal im Monat besuchen sie sich. Abwechselnd. Ein Wochenende bei ihm, den Monat darauf bei ihr. Ein Rhythmus, der Vorfreude schafft. Und Geduld braucht.
Ein Wochenende im Monat
Diesen Samstag im Winter kommt Madlaina zu Boris nach Steckborn. Die Nacht zuvor hat sie bei ihren Eltern in Winterthur geschlafen. Mit Pyjama, frischen Kleidern und Zahnbürste reist sie am Morgen mit dem Zug an den Untersee. Einmal umsteigen. Für Madlaina kein Problem. Sie ist Zug-Profi, hat ein GA und fährt schon ewig allein. Die Vorfreude ist gross. Ein Monat Warten ist endlich vorbei.
Madlaina ist 38 Jahre alt. Sie spricht klar und ruhig. Manchmal so leise, dass man nachfragen muss. Mit ihr vertrauten Personen lächelt sie fest und lacht auch mal laut. Mit Boris lacht sie oft laut. Ihre Eltern besucht sie regelmässig in Winterthur. Bis Mitte Februar hat sie noch im Bündnerland gelebt und ist jetzt in eine neue Institution gezogen.
Rücksicht nehmen, zusammenwachsen
Madlaina muss sich wegen ihrer Behinderung, dem Prader-Willi-Syndrom, viel bewegen. Ihr Körper baut Muskeln bedeutend schneller ab als andere. Also gehen sie an diesem kalten Winternachmittag spazieren. Boris tut das nicht immer gerne. Doch er sagt: «Ich mache das wegen Madlaina. Manchmal muss man Sachen im Leben tun, auch wenn man sie nicht unbedingt will.» Hand in Hand laufen sie am Ufer des Untersees entlang.
«Ich habe mich sehr auf dich gefreut, Schatz», sagt Boris. Er lacht, schaut zu ihr hinunter. Er ist fast einen Kopf grösser. Sie schaut hoch, lächelt, bejaht: «Ja, Schatz.» Für heute steht fest: spazieren, reden, fernsehen, essen – und Zeit zu zweit im Zimmer.
Ein Grundbedürfnis für alle
Liebe und Beziehungen spielten lange Zeit in der Betreuung von Menschen mit Behinderung kaum eine Rolle. Über Jahrzehnte galt in vielen Institutionen das Credo: «Sauber und satt.» Für Zärtlichkeit, Partnerschaft oder gar Sexualität blieb in diesem Denken kein Raum.
Dabei erkannte der US-Psychologe Abraham Maslow schon in den 1940er-Jahren, was heute selbstverständlich sein sollte: Nähe, Liebe und Sexualität zählen zu den grundlegenden Bedürfnissen jedes Menschen – ob mit oder ohne Behinderung. Wer den Menschen in den Mittelpunkt stellt, kann diese Dimension nicht ignorieren.
Doch wer lässt Liebe heute zu? Die Gesellschaft? Die Institutionen? Die Eltern? Die kurze Antwort: Ein gesellschaftliches Umdenken hat begonnen. Selbstbestimmung und sexuelle Rechte von Menschen mit Behinderung sind inzwischen Teil fachlicher Konzepte und gesetzlicher Vorgaben. Institutionen schaffen Rückzugsräume, entwickeln Schutz- und Aufklärungskonzepte, sprechen offen über Partnerschaft, Verhütung und Grenzverletzungen.
Auch viele Eltern sehen ihre erwachsenen Kinder nicht mehr nur als Schutzbefohlene, sondern als Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten. Dennoch bleiben Spannungen. Zwischen Fürsorge und Kontrolle. Zwischen Schutz und Selbstbestimmung. Zwischen der Angst vor Überforderung und dem Recht auf eigene Erfahrungen.
Die beiden Institutionen von Madlaina und Boris arbeiten eng zusammen. Das Personal stimmt ab, wann ein Besuch am besten passt. Dafür braucht es Planung, Offenheit und die Zusammenarbeit der Eltern. Madlaina und Boris pflegen eine enge Beziehung zu ihnen und erhalten Unterstützung sowie Vertrauen. Diese Nähe macht ihre Liebe selbstverständlich – wie bei Menschen ohne Behinderung.
Doch es braucht mehr als Absprachen. Die Stiftung Andante, in der Boris lebt, hat ein sexualpädagogisches Konzept entwickelt. Es zeigt, wie die Bewohner begleitet und unterstützt werden, und schützt zugleich die Beteiligten. Die Institution will modern sein und beweisen, dass Liebe auch hier ihren Platz hat – und das tut sie. Mehrere Paare leben dort. Dennoch bleibt Sexualität ein Thema, das nicht immer ausreichend geklärt ist. Deshalb ist das Personal speziell geschult und spricht offen mit den Bewohnern darüber.
Institutionen im Wandel
Romantische Beziehungen benötigen Aufklärung und Gespräche mit Menschen, die nahe sind. Bei Boris ist das seine Bezugsperson und Sozialpädagoge Christian Müller. Sie kennen sich seit 15 Jahren. Liebe lernt man nicht, man fühlt sie. Grenzen aber lernt man – im Gespräch. So eines führte Boris mit Christian. Über Nähe. Über Grenzen. «Nein heisst Nein», sagt Christian. Boris lebt das selbstverständlich. Streichelt er Madlaina am Arm, fragt er: «Hast du das gerne?», sagt sie «Stopp», hört er auf. Fasst Madlaina Boris ans Bein, fragt auch sie. Ein Nein, ein Stopp – das sind seine Grenzen. Ein Ja heisst: Das Gegenüber mag es. Viele Menschen ohne Beeinträchtigung haben das nie gelernt. Oder mussten es auch nie lernen. «Dabei ist das so wichtig», sagt Christian Müller.
Naheliegend wäre es, die Frage zu stellen: «Habt ihr Sex?» Doch würde man sie auch zwei nicht behinderten Menschen so direkt stellen? Allein diese Überlegung offenbart, wie sehr der Blick auf die Sexualität von Menschen mit Behinderung noch immer von Neugier und Grenzüberschreitung geprägt ist. Entscheidender ist etwas anderes: dass Christian Müller mit ihm über Hygiene, Verhütung und Geschlechtskrankheiten spricht. Dass Raum entsteht für Gespräche über Gefühle, Unsicherheiten und Wünsche. Es geht nicht um voyeuristische Fragen, sondern um Aufklärung, Selbstbestimmung und einen verantwortungsvollen Umgang miteinander.
Was zählt: Zeit zu zweit
Nach dem Spaziergang wollen die beiden zurück in die Wärme. Ein bisschen TV schauen. Was genau, spielt keine Rolle. «Hauptsache miteinander», sagt Madlaina. Am Abend gibt es Hörnliauflauf zum Znacht. Eigentlich ist das die Spezialität von Luca, einem Mitarbeiter der Stiftung Andante, in der Boris lebt. Doch heute kocht Wiveka. Sie arbeitet an diesem Wochenende und kennt Madlaina auch schon länger. Für sie ist die Beziehung der beiden schön zu sehen. «Es gibt viele Parallelen», sagt sie. Sie findet, Beziehungen folgen oft ähnlichen Mustern – unabhängig von Diagnosen. So findet sie zum Beispiel, dass Kommunikation oft erschwert sein kann. «Ehrlich miteinander reden und seine Bedürfnisse mitteilen, ist für alle schwer.» Und manchmal könne es schon sein, dass aufgrund der Behinderung die Worte fehlen. Aber dafür haben Boris und Madlaina gelernt, mit ihnen nahestehenden Personen zu reden. Und so die passenden Worte zu finden.
Drinnen wartet Wärme. Zeit zu zweit. Das, was sie sich für dieses Wochenende organisiert haben. Die Beziehung von Boris und Madlaina unterscheidet sich nur wenig von anderen. Nähe muss ausgehandelt werden. Zeit geplant. Grenzen besprochen. Unterstützung angenommen. Was bei ihnen sichtbar wird, ist das, was auch für viele andere Paare gilt – nur oft weniger offen. Zurück in der Institution gehen sie ins Zimmer. Die Tür schliesst sich. Für dieses Wochenende haben sie, was sie brauchen.


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