Plötzlich wollen alle nach St.Gallen
Julia-Maria Riedl
Kommentar: Was hat St. Gallen, was Zürich im Hitzesommer nicht hat? Vor allem ein paar entscheidende Grad weniger.

Nachdem der Hitzesommer (fast) überstanden ist, muss ich als Ostschweizerin doch noch etwas loswerden. Als meine Wetter-App in Dietikon 39 Grad anzeigte, dachte ich sofort an den Klimawandel. Beängstigend. Doch wer weiss: Vielleicht werden wir in 20 Jahren auf diesen Hitzesommer als einen der kühlsten zurückblicken.
Statt mich lange mit dieser Frage zu beschäftigen, handelte ich. Meine persönliche Anpassungsstrategie gegen den Klimawandel: ab in den Osten. Ich verbrachte einige Wochenenden in St. Gallen. Ja, auch dort war es heiss, aber oft fast fünf Grad kühler.
Wer bei über 30 Grad versucht hat, klar zu denken, weiss: Fünf Grad machen einen grossen Unterschied. Die Fahrt in die Ostschweiz fühlte sich fast wie eine Reise in den Norden an. Gut, St. Gallen hat keine Limmat und keinen Zürisee. Dafür gibt es die Drei Weieren – und vor allem besonders viele Bäume. Bekanntlich die besten Klimaanlagen, die man nicht an die Steckdose hängen muss.
Die Klimaprognosen sind wenig ermutigend. Deshalb wage ich meinerseits eine Prognose: Irgendwann entdecken auch die Letzten, dass die Schweiz hinter Winterthur weitergeht. Denn wenn es im Osten tatsächlich ein paar Grad kühler bleibt, dürfte ich mit meiner persönlichen Klimaflucht nicht lange allein bleiben.
Und wenn wegen der Hitze irgendwann halb Zürich nach St. Gallen flüchtet, hinterlässt das vielleicht sogar sprachliche Spuren. Dann ist es bei uns im Osten plötzlich nicht mehr «füüf», sondern «foif» Grad kühler.



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