Suchabo für Genossenschaftswohnungen: Was das tatsächlich bringt
Julia-Maria Riedl
Ein Zürcher Portal sammelt Inserate von über 100 Genossenschaften und Neubauprojekten. Ob früher informiert zu sein auch bessere Chancen bringt, stellen Fachleute infrage.

Schwierig zu bekommen: Genossenschaftswohnungen in Zürich – wie die bekannte Siedlung an der Erismannstrasse. Symbolbild: Severin Bigler
Wer in Zürich eine Genossenschaftswohnung sucht, braucht Geduld. Die Nachfrage nach solchen vergleichsweise preisgünstigen Angeboten ist gross, freie Wohnungen sind selten. Genau hier setzen mehrere Internetportale an: Für wenige Franken im Monat durchsuchen sie automatisch die Webseiten von Genossenschaften und informieren ihre Kundinnen und Kunden per E-Mail über neue Inserate. Ihr Versprechen: Keine freie Genossenschaftswohnung mehr verpassen.
Das klingt plausibel und für Wohnungssuchende verlockend. Wer früher von einer freien Wohnung erfährt, könnte schliesslich bessere Chancen auf den Zuschlag haben. Genau das stellen Fachpersonen jedoch infrage.
«Solche Plattformen erhöhen die Chancen auf eine Wohnung nicht», sagt Stefan Schneider, Geschäftsführer des Regionalverbands Wohnbaugenossenschaften Zürich. «Sie machen die Suche lediglich bequemer.»
Der Grund für solche Portale liegt auf der Hand: Jede Genossenschaft schreibt freie Wohnungen auf ihrer eigenen Website aus. Wer den Überblick behalten will, muss zahlreiche Webseiten regelmässig kontrollieren.
«Genossenschaftswohnungen funktionierten anders als viele kommerzielle Mietwohnungen», erklärt Schneider. Oft sei es nicht entscheidend, wer sich zuerst bewerbe. Vielmehr spielten Kriterien wie Haushaltsgrösse, Einkommen oder die passende Belegung der Wohnung eine Rolle. Die Portale lösen zwar ein Problem bei der Suche – aber nicht unbedingt bei der Vergabe.
Mehr Übersicht statt bessere Chancen
Eines der grössten Portale im Raum Zürich heisst «GenossenSchaffen». Die Betreiber Cora und George Roberts gründeten den Dienst nach eigenen Angaben, weil sie nach ihrer Rückkehr aus England selbst nach einer bezahlbaren Genossenschaftswohnung in Zürich suchten. Schnell merkten sie: Die Inserate waren auf zahlreiche Webseiten verteilt. Den Überblick zu behalten, war aufwendig, erklären sie auf Anfrage.
Das Unternehmen wirbt damit, mehr als 100 Genossenschaften und deren Neubauprojekte im Blick zu haben. Eine Auswertung der Limmattaler Zeitung zeigt: «GenossenSchaffen» beobachtet derzeit 113 Anbieter. Davon befinden sich 67 in der Stadt Zürich. Die übrigen liegen unter anderem in Winterthur, Horgen, Schlieren und weiteren Gemeinden des Kantons.
Rund 85 Prozent der erfassten Angebote betreffen reguläre Genossenschaftswohnungen. Daneben finden sich auch Alters- und Spezialwohnformen. Zudem richtet sich ein Teil der Angebote nur an bestimmte Zielgruppen – etwa Seniorinnen und Senioren, Familien oder Kunstschaffende.
Das Unternehmen betont: Es verkaufe keinen Wohnraum, sondern einen Suchservice. Und 55 Prozent der erfassten Genossenschaftsinserate verschwänden innert 24 Stunden wieder aus dem Netz.
«Wer ein Inserat nicht sieht, kann sich auch nicht bewerben», schreibt das Unternehmen.
«Niemand klickt freiwillig jeden Tag über hundert Webseiten durch», sagt Schneider. Das Angebot erfülle deshalb durchaus ein Bedürfnis. «Es macht die Suche einfacher, aber nicht erfolgreicher.»
Ein Patentrezept für die Wohnungssuche gebe es nicht. Die Nachfrage sei schlicht grösser als das Angebot. Wer eine Genossenschaftswohnung suche, brauche Geduld – und auch etwas Glück.
Kritik vom Mieterverband
Noch deutlicher kritisiert Walter Angst vom Mieterverband Zürich die kostenpflichtigen Suchdienste.
«Ich finde es skandalös, dass Geld für etwas verlangt wird, das öffentlich zugänglich ist», sagt er. Die Genossenschaften schrieben ihre Wohnungen kostenlos aus. Dass Dritte daraus ein kostenpflichtiges Angebot machten, gefalle ihm nicht.
Einen praktischen Nutzen spricht er den Portalen allerdings nicht vollständig ab. Sie machten die Suche übersichtlicher und könnten Zeit sparen. «Fair ist es trotzdem nie», sagt Angst. «Sie verdienen Geld mit Menschen, die wegen der angespannten Wohnungslage nach jeder Hilfe greifen.»
Dass sich mit einem Suchabo die Chancen auf eine der wenigen freien Wohnungen erhöhten, bezweifelt er ebenfalls.
Dass viele Inserate bereits nach kurzer Zeit wieder verschwinden, wie es das Portal «GenossenSchaffen» schreibt, überrascht ihn dagegen nicht. «Das ist eigentlich gut und fair», sagt Angst. Hunderte von Bewerbungen zu sammeln nütze ja nichts. Sobald genügend Dossiers eingegangen seien, werde das Inserat wieder entfernt.
«GenossenSchaffen» weist den Vorwurf zurück, an öffentlich zugänglichen Wohnungsinseraten Geld zu verdienen. Die Originalinserate seien weiterhin kostenlos zugänglich, schreibt das Unternehmen. Wer wolle, könne sich auch ohne Abo auf dieselben Wohnungen bewerben. Die fünf Franken pro Monat bezahlten Kundinnen und Kunden für die automatisierte Suche und den technischen Aufwand. «Wir verstehen die Sorge vor zusätzlichen Kosten bei der Wohnungssuche», schreibt das Unternehmen.
Wie viele Kundinnen und Kunden den Dienst nutzen, verrät es nicht. Seit der Gründung des Unternehmens hätten jedoch 720 Personen bei der Kündigung ihres Abonnements angegeben, mithilfe des Portals eine Genossenschaftswohnung gefunden zu haben.
Wie aussagekräftig diese Zahl ist, lässt sich allerdings nicht beurteilen. Das Unternehmen nennt weder die Gesamtzahl seiner Kundinnen und Kunden noch eine Erfolgsquote.



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