Wie ein St.Galler Apothekerpaar die Stadt mit lebenswichtigen Medikamenten versorgt – wenn diese plötzlich ausgehen
- jmlriedl
- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Julia-Maria Riedl
Wenn die Pharmaindustrie versagt und wichtige Medikamente nicht lieferbar sind, springen Myriam und Martin Zumstein von der St.Galler Stern Apotheke in die Bresche. Kurzerhand stellen sie dann in ihren Labors die Tabletten selber her – in mühsamer Handarbeit.

Bild: Andrea Tina Stalder
Im Sommer 2023 verschwindet das Medikament Temesta vom Markt. Das in der Schweiz weitverbreitete Beruhigungsmittel, das in psychiatrischen Kliniken, Altersheimen und bei psychisch erkrankten Menschen unverzichtbar ist. Der Grund: Lieferprobleme.
Für das Apotheker-Ehepaar Myriam und Martin Zumstein, das seit 2023 die Stern Apotheke im Linsebühlquartier führt, ist klar: Sie wollen nicht tatenlos zuschauen. 18 Monate lang produzieren sie Temesta-Ersatz im Labor in ihrer Apotheke und tragen zur Versorgungssicherheit in der Stadt St.Gallen und Region bei. Für sie gehört das zum Berufsverständnis dazu.
Der Wirkstoff war verfügbar
Nicht nur Temesta war über Monate in der Schweiz nicht erhältlich. Auch der Ibuprofen-Saft für Kinder, der zur Fiebersenkung angewendet wird, war lange nicht lieferbar. Die Ursachen für die Lieferprobleme? Nicht immer klar, aber oft banal: ein fehlender Deckel, eine falsche Alufolie für die Verpackung, ein Etikett, das nicht den Vorschriften entspricht. Komplexe Lieferketten brechen oft an winzigen Stellen. Mit grossen Folgen für Betroffene, die auf das Medikament angewiesen sind. Für sie wird der Alltag zu einer Belastungsprobe.
In ihrem hauseigenen Labor von Myriam und Martin Zumstein wurde das Arzneimittel Temesta selbst hergestellt. Denn der Wirkstoff dafür, Lorazepam, war verfügbar. «Wir hatten eine Mitarbeiterin, die den ganzen Tag nur Kapseln machte», sagt Myriam Zumstein. Mithilfe einer Kapselfüllmaschine wurden die Kapseln von Hand gefüllt und geschlossen. «Handarbeit im Zeitalter der Pharmaindustrie». Es sei ein enormer Aufwand gewesen. «Es hat uns viele Nerven gekostet», sagt sie.
Aber der Aufwand hat sich gelohnt: «Plötzlich hatten wir 1000 Neukundinnen und Neukunden allein für das Medikament Temesta», erzählt Myriam Zumstein. Der Laden war Tag für Tag voll und das Telefon ununterbrochen besetzt. Aus der ganzen Deutschschweiz kamen die Leute. Schnell habe sich rumgesprochen, dass das Medikament in der St.Galler Stern Apotheke verfügbar sei.
Es gingen so viele Bestellungen ein, dass die Apotheker rationieren mussten. Sie hätten oft nur 20er-Packungen abgeben können, auch wenn die Patientinnen ein Rezept für drei Monate vorlegten. Myriam Zumstein sagt: «Es war sehr emotional, fast schon dramatisch.» Denn die Patienten hatten Angst, nicht mehr genügend Medikamente zu bekommen.
«Weshalb genau Temesta in der Schweiz nicht lieferbar war, wissen wir bis heute nicht», sagt Martin Zumstein. Er könne sich aber vorstellen, dass es wirtschaftlich nicht genug rentiert habe. Eine 50er-Packung Temesta koste im Verkauf knapp 14 Franken. Für Pfizer, das US-Pharmaunternehmen dahinter, sei das kaum lukrativ. Auch für Generikahersteller war der Vertrieb in der Schweiz bisher uninteressant. Deshalb gab es in der Schweiz im Gegensatz zu den Nachbarländern keinen Ersatz für das Originalmedikament.
Es ist das Interesse am Beruf
«Mit der Produktion von nicht lieferbaren Medikamenten wird man nicht reich», sagt das Apothekerpaar, das sich bereits seit dem ersten Studienjahr kennt. «Würde man damit wirklich Geld verdienen, würden es doch alle machen», sagt Martin Zumstein. Die eigene Herstellung eines Medikamentes sei um einiges teurer als in der industriellen Produktion und decke dabei aber nur knapp die Kosten. Trotzdem wollten er und seine Frau weiter Medikamente selber herstellen. «Weil wir den Menschen gerne helfen und unseren Beruf enorm spannend finden.»
Damit ein Medikament in einer Apotheke hergestellt werden darf, müssen zahlreiche Auflagen des Staats erfüllt werden. Daran halten sich Myriam und Martin Zumstein. Vor einem Jahr entschieden sie, ein Labor mit Reinraumkonzept zu bauen. Ihr Labor untersteht einem strengen Hygienekonzept: Wer im Labor produziert, geht nur mit Maske, Haube und Schutzmantel hinein. Mit dem Ziel, möglichst keine Erreger und Luftpartikel einzuschleusen.
Sie schaffen eine Lösung
Nicht nur das Paar stellt im Labor Medikamente her, auch ihre Mitarbeitenden – allerdings nur nach einer internen Spezialausbildung. Trotzdem geht kein Produkt ohne letzte Kontrolle durch Apotheker Martin Zumstein über den Tresen. Er prüft jede Herstellung sorgfältig, inklusive aller Protokolle. Erst wenn alles stimmt, wird das Medikament freigegeben und darf verkauft werden.
«Das gelingt uns, weil wir extrem präzise arbeiten», sagen Myriam und Martin Zumstein. Doch Genauigkeit allein reicht nicht. «Myriam ist unglaublich kreativ, sprüht vor Ideen und denkt blitzschnell», sagt Martin Zumstein über seine Frau. Sie ergänzt: «Und Martin setzt die Ideen um. Er hört mir zu und macht es möglich.» Für beide ist klar: Sie sind ein perfekt eingespieltes Team.
«Es ist gut möglich, dass künftig weitere Medikamente nicht verfügbar sind», sagt Martin Zumstein. Darauf ist die Stern Apotheke mit ihrem neuen, modernen Labor vorbereitet. Ursachen für Lieferengpässe gebe es viele: Kriege, politische Krisen, Lieferkettenprobleme. Das Ehepaar sieht sich in der Verantwortung und möchte Lösungen aufzeigen: «Es funktioniert – wenn man will.» In der Stern Apotheke wird die Kapselfüllmaschine wohl noch oft zum Einsatz kommen. «Für uns stellt sich nicht die Frage, ob wir das tun – es ist klar, dass wir es machen.»
Eine klare Gesetzgebung – was es alles dafür braucht
Apotheken können Medikamente nicht einfach so herstellen. Das ist streng geregelt. Ist ein Medikament nicht lieferbar, müssen Apotheken zuerst auf dem Schweizer Markt und dann im angrenzenden Ausland nach Alternativen suchen. Sind dort welche verfügbar, werden diese in die Schweiz importiert. «So werden viele Lieferunterbrüche in der Schweiz überbrückt», sagt Martin Zumstein.
Beim Medikament Temesta, genauer gesagt beim Wirkstoff Lorazepam, ist das nicht so einfach: Das Arzneimittel fällt im Grosshandel unter das Betäubungsmittelgesetz. Das erschwert den Import aus EU-Ländern in die Schweiz erheblich. Ausländische Apotheken müssen hohe Exportkosten bezahlen, der bürokratische Aufwand ist enorm – der Profit gering, bis nicht vorhanden. Deshalb stand der Import von Temesta nicht zur Diskussion.
Ist es also nicht möglich, ein Medikament aus dem nahen Ausland zu beziehen, dürfen Apothekerinnen und Apotheker diese selbst herstellen – unter strengen gesetzlichen Auflagen: Zuerst muss die Apotheke vom kantonalen Heilmittelinstitut befähigt und anerkannt werden. Noch wichtiger ist ein spezialisiertes Labor wie es Myriam und Martin Zumstein haben. Eine weitere Auflage ist, dass sie die Medikamente nur auf Rezept und personalisiert hergestellt werden dürfen.
Sind diese Kriterien erfüllt und ist das Medikament nicht aus dem Ausland beziehbar, dürfen Apotheken laut Gesetzgebung Medikamente selbst herstellen. Viele Apotheken verzichten allerdings darauf, denn der Aufwand ist zu gross, der Ertrag zu gering. (jmr)



Kommentare