«Ich muss betteln, um weiterzumachen»: Flickhüsli-Besitzerin Ursula Bühler kämpft gegen Altersarmut
- jmlriedl
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Julia-Maria Riedl
Seit zwölf Jahren betreibt die 74-jährige Ursula Bühler das Flickhüsli am St.Galler Marktplatz. Dass sie noch in dem hohen Alter arbeitet, hat zwei Gründe: Es ist die Passion, aber auch die finanzielle Situation.

Bild: Sandro Büchler (16. 11. 2023)
Ursula Bühler hätte nie gedacht, dass sie einmal arm sein würde. Nicht nach einem Leben voller Arbeit. «Ich habe immer gearbeitet – zwar oft schlecht bezahlt, aber ich war nie tatenlos», sagt die 74-Jährige. Obwohl andere in diesem Alter längst in Rente sind, steht sie weiterhin im Flickhüsli am St.Galler Marktplatz. Aus Leidenschaft arbeitet sie noch, aber auch, weil sie finanziell darauf angewiesen ist. 2023 machte sich Bühler in der Stadt einen Namen, weil sie die Fällung einer Platane, die direkt neben ihrem Stand ist, verhindern konnte.
Die Arbeit mit Textilien begleitet Ursula Bühler seit ihrer Kindheit. Ihre beiden Grossmütter haben ihr im jungen Alter das Flicken von Textilien beigebracht. Wegwerfen sei dazumal keine Option gewesen. «Ich liebe das Nähen. Das war schon immer meine Passion», sagt Bühler, die in Zürich aufgewachsen ist. Seit zwölf Jahren flickt und näht sie im grünen Holzmarktstand.
Solidarität in der Stadt
Monatlich erhält Bühler knapp 1600 Franken Rente von der AHV. Eine lange Zeit sei sie noch zusätzlich von Familienmitgliedern unterstützt worden. Doch diese Hilfe sei weggefallen. «Jetzt brauche ich eine Lösung», sagt sie. Bereits im April habe sie mit einem Zettel am Hüsli einen Spendenaufruf gestartet, weil sie die Miete für ihren kleinen Stand nicht bezahlen konnte. Für drei Monate beträgt diese 530 Franken. «Für viele ist das nicht viel. Für mich ist es enorm», sagt sie.
Nach ihrem Spendenaufruf habe sie eine berührende Resonanz gespürt. Eine Kundin habe ihr spontan 200 Franken gegeben. «Das hat mich tief berührt und es hat gezeigt, dass Solidarität noch existiert», sagt Bühler. Für sie sei die gegenseitige Unterstützung ein wichtiger Punkt einer funktionierenden Gesellschaft. «Wenn ich genug habe, gebe ich auch. Das war für mich immer selbstverständlich.»
Nun muss Bühler öffentlich um Hilfe bitten. Sie hat erneut einen Spendenaufruf an ihren Stand gehängt. «Da der Pleitegeier über mir und dem Flickhüsli kreist, fühle ich mich zu diesem Aufruf gedrängt», steht dort. «Ich nenne es betteln, weil es sich so anfühlt», sagt sie. Die Stadt St.Gallen, Eigentümerin des Standes, zeige sich zwar jeweils kulant und gewähre ihr manchmal einen Zahlungsaufschub. Doch letztlich müsse die Miete trotzdem beglichen sein.
Das Flickhüsli selbst bedeutet Bühler mehr als nur das Einkommen. Es sei der Kontakt zur Aussenwelt. Eigentlich sei sie eine Einzelgängerin, doch der regelmässige Austausch sei ihr wichtig. «In meinem Alter kann man vereinsamen. Das will ich nicht», sagt sie. Die 74-Jährige lebt in Gais und pflegt dort einen grossen Garten voller Kräuter und Pflanzen. «Ich liebe die Natur. Der Mix aus Ruhe auf dem Land und dem Trubel in der Stadt tut mir gut.»
Wenn es ein Angebot gibt, wird es auch genutzt
Ursula Bühler betreibt das Flickhüsli seit 2013. Doch die erste Verbindung zum Marktstand reicht weit zurück. «Als ich das erste Mal an diesem Häuschen vorbeikam, war ich sechs Jahre alt», sagt sie. Das war 1956. Dazumal war noch ein Gemüsehändler eingemietet. Und heute, 70 Jahre später, führt sie es. «Das ist etwas Besonderes.»
Die Nachfrage nach Textilreparaturen sei da: Wenn es einen Ort gebe, an dem Kleidung geflickt wird, werde das auch genutzt. «Viele Menschen lassen heute wieder ihre Kleidungsstücke flicken, statt diese wegzuwerfen», sagt Bühler. Oftmals sei es aber auch das Lieblingsstück, das ein Loch hat, die Mottenlöcher, die gestopft werden müssen oder eine Hose, die gekürzt werden soll.
Und trotzdem reiche der Ertrag aus dem Nähen mit der knappen Rente kaum zum Leben. Ein Online-Crowdfunding starte sie aber nicht. «Das Internet ist gut, aber ich bin zu alt dafür. Ich mache es lieber mit einem Flyer.» Das sei mehr ihre Art.
Bis Ende Juni hätte sie die nächste Miete zahlen müssen. Doch ihr fehlen weiterhin die Mittel. Sie habe die Vermieterin bereits informiert, dass die Miete erneut aufgeschoben werden müsse.
Fast jede fünfte Rentnerin in der Schweiz lebt in Armut
Laut Bundesamt für Statistik ist fast jede fünfte Person über 65 Jahre in der Schweiz von Altersarmut betroffen. Besonders häufig trifft es alleinstehende Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund sowie Personen mit einem tiefen Bildungsstand. Bei Männern befindet sich jeder achte Rentner unter der Armutsgrenze. Paare im Rentenalter sind deutlich seltener finanziell gefährdet. (jmr)



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